Präsident für Kolumbien gesucht: Linker Hoffnungsträger ringt mit TikTok-Opa

Präsident für Kolumbien gesucht: Linker Hoffnungsträger ringt mit TikTok-Opa

Präsident für Kolumbien gesucht
Linker Hoffnungsträger ringt mit TikTok-Opa

Von Roland Peters, Buenos Aires
19.06.2022, 10:29 Uhr

Kolumbien sucht einen Ausweg aus Armut, Gewalt und Drogen. Der aktuelle Präsident ist mit seiner Politik gescheitert. Stattdessen könnte ein linker Wirtschaftswissenschaftler an die Macht kommen. Oder ein 77-jähriger Baulöwe, der auf TikTok tanzt.

Kolumbien steht vor einer neuen politischen Zeitrechnung. Bei der Präsidentschaftswahl am 19. Juni tritt ein Linker gegen einen unabhängigen Populisten mit sozialer Ader an. Die Konservativen und traditionellen Verbündeten des Militärs, jahrzehntelang das Maß aller Dinge im von Gewalt, Drogenkonflikten und Ungleichheit geplagten Land zwischen Karibik und Pazifik, werden diesmal nicht den Staatschef stellen. Die Rezepte des aktuellen Präsidenten, Iván Duque, sind gescheitert. Kaum jemand trauert ihm hinterher: Ganze 87 Prozent der Bevölkerung sind mit seiner Politik nicht einverstanden, nur 8 Prozent finden intestine, was er macht.

Duque conflict der Kronprinz des erzkonservativen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe und stand für die Politik der harten militärischen Hand. Wegen des jahrzehntelangen Bürgerkrieges hat diese eine lange Custom. Die Methode, quick alle sozialen Probleme aus einer sicherheitspolitischen Perspektive zu betrachten, hält vor allem die junge Bevölkerung im südamerikanischen Land für überholt. Millionen Kolumbianer gingen 2021 auf die Straße, als die Regierung eine Steuerreform durchprügeln wollte, die vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten getroffen hätte. Aber eben die haben die größten wirtschaftlichen Probleme. Duque hat damit die konservativen Kräfte für weitere politische Verantwortung vorerst disqualifiziert.

Rodolfo Hernández: Suspendiert wegen einer Ohrfeige

(Foto: REUTERS)

Die Bevölkerung sieht sich aktuell in einer noch schlimmeren Lage als im vergangenen Jahr. Rund 70 Prozent der Menschen in den städtischen Gebieten gaben im April an, dass ihre wirtschaftliche State of affairs schlechter geworden sei. Und das, obwohl die Armut vor allem die ländliche Bevölkerung plagt. Rund 40 Prozent der Bevölkerung lebte 2021 unter der Armutsgrenze. In kaum einem Land der Welt ist der Wohlstand ungleicher verteilt als in Kolumbien. Dagegen etwas tun zu wollen, dies haben beide Kandidaten angekündigt. Der eine Kandidat der Stichwahl ist Gustavo Petro, ehemaliger Guerillakämpfer, Wirtschaftswissenschaftler und langjähriger Politiker. Er gewann die erste Wahlrunde im Mai deutlich. Sein Konkurrent ist Rodolfo Hernández, ein populistischer Baulöwe, der den favorisierten konservativen Bewerber übertrumpft hatte. Bei den letzten Umfragen lagen beide Kandidaten Kopf an Kopf.

Umstrittener Unternehmer

Der unabhängige Baulöwe Hernández will vor allem die Korruption bekämpfen und wirbt mit mehr Sicherheit. Er präsentiert sich mit einfacher, zuweilen grober Sprache und einem Anti-Eliten-Diskurs. Hernández kommt aus einer Arbeiterfamilie und wurde wohlhabend, weil er sich in den 1990er Jahren auf sozialen Wohnungsbau spezialisierte. Er umging die Banken und ließ Familien ihre Häuser stattdessen in 100 monatlichen Raten abbezahlen. “Unternehmer müssen verstehen, dass Arme mit Kaufkraft das beste Geschäft der Welt sind”, sagte er einmal. Man müsse die Kaufkraft der ärmeren Menschen ebenso schützen wie den Unternehmer, der die Waren für sie produziert.

Trotz seiner sozialen Ader ist der 77-Jährige schwer einzuschätzen, bisweilen ändert Hernández seine politischen Positionen abrupt. So sprach er sich zunächst sowohl für Fracking als auch für die Verwendung von Glyphosat zur Vernichtung von Kokapflanzungen. Wenige Wochen später conflict er plötzlich dagegen. Er sagte, er wolle “alle Diebe aus der Regierung entfernen”, gegen ihn wird aber selbst wegen Korruption ermittelt, als er von 2016 bis 2019 Bürgermeister der Großstadt Bucaramanga conflict, rund 200 Kilometer von Venezuela entfernt. Im Jahr 2019 sagte er über die Millionen nach Kolumbien fliehenden Venezolaner, die schwangeren Frauen darunter seien “eine Fabrik für arme Kinder”.

Gustavo Petro, Kandidat des “Pacto Histórico”

(Foto: REUTERS)

Als Bürgermeister wurde er bekannt, weil er wöchentliche Bürgersprechstunden per Videochat abhielt. Stadträte nannte er bisweilen “stehlende Ratten”, einmal wurde er von seinem Amt suspendiert, weil er einen von ihnen geschlagen hatte. Als Präsidentschaftskandidat verspricht er, wieder diplomatische Verbindungen mit Caracas aufzunehmen, will aber zugleich Hunderttausende Migranten dorthin abschieben. Einmal schrieb er ein Zitat Albert Einsteins dem “großen deutschen Denker Adolf Hitler” zu, wofür er sich Jahre später entschuldigte. Im Wahlkampf gab er kaum Interviews, verweigerte eine Wahldebatte und präsentiert sich vor allem über Movies in sozialen Medien wie TikTok.

Zur Sicherheit mit Krankenwagen

Im Vergleich zu Hernández gehört der frühere Guerillakämpfer Petro zur gebildeten politischen Elite. Der Wirtschaftswissenschaftler versucht zum dritten Mal, in den Präsidentenpalast einzuziehen. Er gilt als progressiv und präsentiert sich als Streiter für die Benachteiligten der Gesellschaft: Schwarze und Indigene, Arme und junge Menschen. Seine Wahlversprechen sind simpel: Der Kampf gelte dem Starvation und der Ungleichheit, sagt er. Seine politische Richtung fand er durch den Militärputsch in Chile, als Common Augusto Pinochet in Salvador Allende den ersten Marxisten, der demokratisch zum Staatschef gewählt wurde, aus dem Präsidentenpalast in Santiago bombte.

Es gehört zum guten Ton der Konservativen in Lateinamerika, konkurrierende Politiker mit Fokus auf Einkommensschwache und Minderheiten als Radikale zu verunglimpfen – und ihnen vorzuwerfen, das Land zu einem zweiten Venezuela machen und damit in den sozialistischen Abgrund wirtschaften zu wollen. Auch gegenüber Petro gibt es diese Vorwürfe. Der hat sich jedoch deutlich vom Nachbarland distanziert. Petro nannte die venezolanische Regierung von Nicolás Maduro eine “Bananenrepublik” und versicherte unter anderem, mit ihm werde es in Kolumbien keine Enteignungen geben.

Wie gefährlich Kolumbien sein kann, hat sich einmal mehr im aktuellen Wahlkampf gezeigt. Petro hielt sich aus Angst vor einem Attentat auf ihn mit öffentlichen Auftritten zurück, manchmal trug er kugelsichere Weste. Wenn er sich bewegte, reiste er in einer Kolonne mit einem Dutzend gepanzerter Fahrzeuge plus Polizei auf Motorrädern, Scharfschützen sowie einem Krankenwagen für den Notfall. Kolumbien hat eine dunkle Custom politischer Morde, auch an Präsidentschaftskandidaten.

Petros Wahlbündnis heißt “Pacto Histórico”. Tatsächlich wäre sein Wahlsieg schon deshalb historisch, weil Kolumbien noch nie einen linken Präsidenten hatte. Das hat auch mit Guerillagruppen zu tun, die jahrzehntelang versuchten, ihre Ziele mit Waffen durchzusetzen. Sie kämpften gegen rechte Paramilitärs, Drogenclans und das Militär in einem noch immer andauernden jahrzehntelangen Bürgerkrieg um Kontrolle. Im Jahr 2016 jedoch schloss die damalige Regierung ein umfassendes Friedensabkommen mit der damals größten linken Guerillagruppe, den FARC. Nicht alle haben dauerhaft die Waffen niedergelegt. Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt. Petro hat angekündigt, die Friedensverhandlungen mit der anderen einflussreichen Guerillagruppe ELN wieder aufnehmen und den Drogenhandel friedlich verringern zu wollen.

Der Frieden mit den FARC gilt als eines der umfassendsten Abkommen überhaupt, weil es nicht nur um die Niederlegung der Waffen geht, sondern auch um langfristige Friedenssicherung. In den ländlichen Gegenden, wo die bewaffneten Gruppen operieren, fehlen jedoch weiterhin staatliche Präsenz, Infrastruktur für wirtschaftliche Entwicklung und Perspektiven für junge Menschen. Häufig gibt es keine oder wenig attraktive Alternativen zur Beschäftigung bei der Drogenproduktion und -handel. Der Staat hatte im Friedensvertrag zugesagt, sich dieser Probleme anzunehmen, aber Duques konservative Regierung hat davon wenig umgesetzt. Nun wird es zumindest einen Wandel an der Staatsspitze geben.